Weinbergwanderung

» Gepostet von am Jul 27, 2013 in Wandern | Keine Kommentare

Weinbergwanderung

An die Wandermuffel und Genusswanderer: Weinbergstour von Schloss Johannisberg zu Schloss Vollrads

Es soll ja Menschen geben, die nicht gerne laufen und schon gar nicht wandern. Diese Menschen brauchen einen Grund, warum sie ihre zwei Beine von A nach B bewegen sollen. Sie brauchen ein Ziel. Einfach so durch die Natur spazieren und “nur” Aussicht genießen, das ist nicht ihres. Diesen Menschen widme ich diesen Blogbeitrag, denn auf dieser Tour gibt es mehr als nur einen Grund, seine zwei Beine zu benutzen. Zu allererst wird es die Wandermuffel freuen, denn diese Tour ist kurz. Los geht sie am Schloss Johannisberg und endet am Schloss Vollrads. Auf direktem Weg von Schloss zu Schloss durch die Weinberge sind es vielleicht 2,5 Kilometer, also ein gutes halbes Stündchen Fußmarsch. Machbar für alle, die nicht gerne laufen. Denn auch das Höhenprofil ist nicht so schlimm, da gibt es steilere Wege. Dennoch, wir laufen durch die Weinberge, ein gewisser An- und Abstieg ist also immer gegeben. Und für die Genusswanderer ist diese Tour sowieso ein Klacks, aber vollgepackt mit Wein! Außerdem lässt sich diese Tour beliebig verlängern. Man muss ja auch nicht auf dem direktesten Weg zum Schloss Vollrads. Da sind wir schon bei den Gründen: Fangen wir bei Schloss Johannisberg an. Oberhalb zwischen Geisenheim und Winkel gelegen, sollte man vor dieser Tour etwas Zeit für Schloss und den Berg einplanen, egal ob man sich im Anschluss auf den direkten Weg nach Vollrads macht oder auf Umwegen dorthin läuft. Denn der Johannisberg mit seinem Schloss ist der Inbegriff des deutschen Rieslings. Die gesamten 35 Hektar sind mit Riesling bepflanzt und bereits irgendwann zwischen 770 und 820 n. Chr. wurde dort schon Wein angebaut und hergestellt. An höchster Stelle thront Schloss Johannisberg, ein ehemaliges Benediktinerkloster. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts war das Kloster sich selbst überlassen und verfiel. Bis Anfang des 18. Jahrhundert Fürstabt Konstantin von Buttlar aus Fulda den Johannisberg erwarb und ein dreiflügeliges Barockschloss erbaute. Von nun an war der Johannisberg ein Weingut und innerhalb der Schlossanlage war das Kelterhaus der zentrale Ort. Bald war der lange, eindrucksvolle Gewölbekeller vollendet, dort konnte man die Weine einlagern. Da ab 1720 nur noch Riesling angebaut wurde, ist Schloss Johannisberg der erste geschlossene Riesling-Weinberg der Welt. Wann die Weinlese begann, bestimmte man in Fulda, auch wenn man ansonsten das Weingut bewirtschaften ließ. So wurde zu gegebener Zeit ein Reiter nach Osthessen geschickt, der eine Traubenprobe mitbracht, um sich die Erlaubnis zur Weinlese einzuholen. 1775 jedoch verspätete sich der Reiter um gut eine Woche, so dass die Trauben an den Rebstöcken schon angefault waren. Die Fuldaer ließen trotzdem keltern und so entstand die erste Spätlese der Welt. Ein Reiterstandbild im Schlosshof erinnert an den Rheingauer Spätlesereiter. Es ist also ein Ort voller Weinbaugeschichte, -tradition und -kultur. Und natürlich des Genusses! Zur Zeiten der Rheinromantik im 19. Jahrhundert haben Weinliebhaber ihren Riesling direkt auf der Schlossterrasse getrunken und noch heute befindet sich dort der Ausschank. Wer also vor dem Trip zum Schloss Vollrads noch schnell eine Stärkung braucht, der kann sie hier genießen. Verabschieden wir uns vom Johannisberg und machen wir uns auf zum Schloss Vollrads. Dazwischen liegen Weinberge, Weinberge und nochmals Weinberge – aber dafür (fast) immer mit Blick auf den Rhein. Die Riesling-Route ist wirklich schön. Noch so einen Grund, die kurze Strecke für sich zu erschließen. Und weil es so schnell geht, sind wir auch schon am Schloss Vollrads. Noch so ein historischer Ort! Hier ist der Weinhandel seit 1211 dokumentiert. Damals waren aber solche Orte meist noch von Rittern bewohnt und daher war das Schloss auch von den Rittern und Herren aus Winkel bewohnt und bewirtschaftet. Einer von ihnen hieß Vollradus von Winkel und nach ihm ist das Schloss benannt. Als die Ritter ausstarben, übernahm die Familie Greiffenclau das Schloss. Um 1300 ließ Friedrich Greiffenclau das Areal roden und es entstand der Wohnturm der Adeligen von Greiffenclau. Dieser Wohnturm ist noch heute Kern des Schloss Vollrads. Erst wesentlich später, 1684, erbaute Georg Philip Greiffenclau das heutige zweiflügelige Herrenhaus neben dem Turm. Im Anschluss folgten die Wirtschaftsgebäude und Anfang des 20. Jahrhunderts beschloss Gräfin Clara Matuschka-Greiffenclau, den Südtrakt des Herrenhauses um ein drittes Stockwerk zu erhöhen, zwei Türme mit Zwiebelhauben anzubauen, die Terrassen zu erweitern und den Erker am Donjon ebenfalls aufzustocken. Bezahlen konnte sie das vermutlich nicht, denn als Erwein Graf Matuschka-Greiffenclau 1975 das Schloss in der 27. Generation übernahm, war es hoch verschuldet. Tradition hin, Geschichte her. Der letzte Graf Matuschka-Greiffenclau sah wohl keinen Ausweg aus der Schuldenfalle und wählte den Freitod 1997, als das Konkursverfahren eröffnet werden sollte. Seitdem gehört das Schloss Vollrads der Nassauischen Sparkasse, die die Weinberge bewirtschaftet und Schloss mit Restaurant betreibt. Dieses Schloss hat etwas märchenhaftes. Wunderschön mit einem Hauch von Melancholie kann man hier die Zeit vergessen. Deshalb sollte man auch hier unbedingt Zeit verbringen und bei der Tour mit einplanen. Ich verspreche Ihnen, dieser Ausflug lohnt sich und wird Ihnen unvergesslich bleiben. Viele gute Gründe also sich wenigstens mal für eine halbe Stunde auf Wanderschaft zu begeben.

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